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Presse

Redebeitrag Oliver Keymis MdL zur Debatte √ľber die Gentechnik

20.06.01

"Von der Ethik der Verantwortung oder Die W√ľrde des Menschen ist unantastbar"

(Es gilt das gesprochene Wort.)

Anrede,

"Das positive Streben nach einer ethisch-moralischen Gestaltung des menschlichen Zusammenlebens ist von √ľberragender Bedeutung. Hier kann uns keine Wissenschaft erl√∂sen. Ich glaube sogar, dass die √úberbetonung der rein intellektuellen, oft nur auf das Faktische und Praktische gerichteten Einstellung in unserer Erziehung direkt zu einer Gef√§hrdung der ethischen Werte gef√ľhrt hat", sagte Albert Einstein am 6. Januar 1951 in New York und er fuhr fort:
"Die moralische und √§sthetische Vervollkommnung ist ein Ziel, das den Bem√ľhungen der Kunst n√§her steht, als denen der Wissenschaft. Ohne ‚Äöethische Kultur‚Äė gibt es keine Rettung f√ľr die Menschen".

Das, so meine ich, ist ein entscheidender Aspekt in unserer Debatte, die, soweit ich es nachvollziehen konnte, die erste Debatte zu diesem ungeheuren Thema in diesem Hohen Hause ist.

Und "ungeheuer ist viel, doch nichts ungeheurer als der Mensch" zitierte Bundespräsident Johannes Rau in seiner Berliner Rede den Dichter Sophokles und wann, wenn nicht auch in den stillen Momenten solcher Debatten, erschlösse sich einmal mehr die Dimension solcher Erkenntnis.

Von der "Ethik des Heilens und Helfens" war die Rede, von der "Nächstenliebe", und von Artikel 1 unseres Grundgesetzes:

"Die W√ľrde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu sch√ľtzen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt". Rechtstechnisch ist die "Menschenw√ľrde" das "tercium comparationes", das √ľbergeordnete Dritte. Es ist der erste ethische Grundsatz, den sich das deutsche Volk nach Hitlers ungeheuerlicher Barbarei gegeben hat. Die Freiheit von Forschung und Lehre folgt erst in Artikel 5.

Es wird argumentiert, diejenigen, die sich ‚Äď wie u.a. auch die GR√úNEN ‚Äď aus grunds√§tzlichen ethischen Erw√§gungen gegen die Forschung an embryonalen Stammzellen aussprechen, verweigerten sich der Realit√§t, denn schlie√ülich w√ľrde weltweit daran geforscht und deshalb k√∂nne man sich nicht abkoppeln von den Forschungen in der Welt. Daher, so hei√üt es, sei es notwendig, auch hierzulande, allerdings streng √∂ffentlich kontrolliert, Forschung an embryonalen Stammzellen zu erm√∂glichen. "Ich will wissen, was geht," Herr Ministerpr√§sident, dieses Zitat wird Ihnen zugeschrieben. Immer? Und um jeden Preis? Sie sagen klar ‚Äěnein". Das ist gut. Aber wie stoppen wir Zauberlehrlings Besen, der Eimer um Eimer heran schleppt ‚Äď der ‚ÄöDammbruch‚Äė, wie sich die Bilder √§hneln ‚Äď wie bringen wir ihn zum Stillstand?

Leid lindern ja, aber heiligt dieser Zweck wirklich jedes Mittel? Jedes? Sie sagen klar ‚Äěnein". Das ist gut. Und wenn wir die MENSCHENW√úRDE zum Ma√üstab unseres Tuns machen, ist sie antastbar?

Sie ist es nicht.

Das eigentlich ungeheure unseres gemeinsamen öffentlichen Nachdenkens ist die unfaßbare Dimension, die sich auftut. "Es gibt viel Raum diesseits des Rubikon", sagte Bundespräsident Rau. Was aber ist jenseits des Rubikon? Niemand weiß es und die ungeheure Ahnung ist mit dem vielzitierten "Dammbruch" eigentlich nur unzureichend beschreibbar: es fehlen die passenden Worte.

Der vom Niederrhein stammende Philosoph Hans Jonas hat sich um passende Worte bem√ľht. In seinem "Versuch einer Ethik f√ľr die technologische Zivilisation" von 1984, mit dem Titel "Das Prinzip Verantwortung" erarbeitet er in aller Behutsamkeit eine "Ethik der Verantwortung" und erl√§utert u.a. auch "gewisse Fortschritte in der Zellbiologie", die uns die praktische Aussicht erm√∂glichen, den biochemischen Altersprozessen entgegenzuwirken; auch √ľber diesen Aspekt wurde heute hier bereits gesprochen.

Und Jonas fragt: "Wie w√ľnschenswert ist dies? (...)
"Die Mischung wohltätiger und gefährlicher Möglichkeiten ist offenkundig, aber die Grenzen sind nicht leicht zu ziehen" (...) Und er stellt fest:
"Irgendwo entlang der Linie wachsender sozialer Manipulier-barkeit um den Preis individueller Autonomie mu√ü sich die Frage nach dem Wert, dem Der-M√ľhe-Wertsein des ganzen menschlichen Unternehmens stellen. Ihre Beantwortung richtet sich nach dem Bilde des Menschen, dem wir uns verpflichtet f√ľhlen. Wir m√ľssen es neu √ľberdenken im Lichte dessen, was wir heute mit ihm tun oder ihm antun k√∂nnen und nie zuvor tun konnten". Und weiter folgert er:
"In noch h√∂herem Grade gilt dies hinsichtlich des letzten Gegenstandes einer auf den Menschen angewandten Technologie ‚Äď der genetischen Kontrolle zuk√ľnftiger Menschen".

Und Jonas verweist ‚Äď ich zitiere wieder ‚Äď "auf diesen ehrgeizigen Traum des homo faber, der in der Redensart zusammengefa√üt ist, dass der Mensch seine eigene Evolution in die Hand nehmen will, mit dem Ziel nicht blo√ü der Erhaltung der Gattung in ihrer Integrit√§t, sondern ihrer Verbesserung und Ver√§nderung nach eigenem Entwurf.

Ob wir dazu das Recht haben, ob wir f√ľr diese sch√∂pferische Rolle qualifiziert sind, ist die ernsteste Frage, die dem pl√∂tzlich im Besitz solch schicksalhafter Macht sich findenden Menschen gestellt sein kann. Wer werden die "Bild"-Macher sein, nach welchen Vorbildern, und auf Grund welchen Wissens?" (...) Und schlie√ülich stellt Hans Jonas fest: "Auch die Frage nach dem moralischen Recht, mit k√ľnftigen menschlichen Wesen zu experimentieren, stellt sich hier. Diese und √§hnliche Fragen, die eine Antwort verlangen, bevor  wir uns auf eine Fahrt ins Unbekannte einlassen, zeigen aufs eindringlichste, wie weit unsere Macht des Handelns  uns √ľber die Begriffe aller fr√ľheren Ethik hinaustreiben".
Die W√ľrde des Menschen ist unantastbar.

Der Sinn unserer heutigen Debatte kann nur im "Innehalten" liegen, im Bem√ľhen um Besonnenheit, in der Bereitschaft, einander genau zuzuh√∂ren und gemeinsam zu versuchen, vor ‚Äď ja, nicht nach-! ‚Äď vorzudenken.

Am 26. November 1998 erschien in der "ZEIT" Nr. 49 auf der Seite 17 ein Dossier mit dem Titel "Das genetische Schlachtfeld ‚Äď ein Report √ľber die ethnische Genforschung, die irgendwann beides liefern k√∂nnte: Medikamente und die Gen-Bombe".

Als Sie, Herr Ministerpr√§sident, in Haifa in das Mikroskop schauten, sahen sie solcherlei Ungeheuerlichkeiten selbstverst√§ndlich nicht. Auch ich habe mich erst nach Ihrer R√ľckkehr an diesen Bericht erinnert und ihn noch einmal nachgelesen. Ich m√∂chte uns alle weiteren Details dieses Dossiers ersparen, aber ich will damit nur einmal mehr andeuten, wie ungeheuer schmal ganz offensichtlich der Grad ist, auf dem die Menschheit zu wandeln sich anschickt.

In seinem St√ľck "Catastrophe", entstanden 1981, l√§√üt Samuel Beckett "den Regisseur" kurz vor dem Schlu√ü sagen:

"Wir haben sie im Griff, unsere Katastrophe".

Zweifelnd hoffend f√ľge ich an: Wenn es so w√§re.

Ich danke f√ľr Ihre nachdenkliche Aufmerksamkeit.

 

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