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Presse

Gesellschaftliche Teilhabe durch kulturelle Partizipation?

30.08.09

Ein Impuls zum Symposium „pars pro toto –soziale und künstlerische Partizipation“
von Oliver Keymis MdL, Vizepräsident des Landtags NRW

„Ich versuche“, sagte der Autor Arthur Adamov in einem Gespräch mit Wolfgang Sauré 1963, „in meinen Stücken das Heilbare und das Unheilbare aufzuzeigen. Das Leben lässt sich in wichtigen Punkten transformieren, damit es weniger unmenschlich sei.“

Arthur Adamov, am 23. August 1908 im Kaukasus geboren, nahm sich am 15. März 1970 mit einer Überdosis Schlaftabletten in Paris, wo er seit seinem 16. Lebensjahr wohnte, das Leben. Seine frühen Stücke, so Martin Esslin 1961 in seinem Buch „Das Theater des Absurden“, kennzeichnen Adamovs Versuch, sich von einer Neurose zu befreien, sich durch die Darstellung des Unheilbaren selbst zu heilen.

Arthur Adamov gilt neben Eugène Ionesco und Samuel Beckett als der wichtigste Vertreter des Theaters des Absurden, seine Stücke kreisen um die Sinnfragen des Seins, später mehr des Daseins, so wie in seinem 1968 (!) entstandenen Stück „Off Limits“, das 1969 in Paris im „Théâtre de la Commune“ in Aubervilliers durch den Avantgarde-Regisseur Gabriel Garran uraufgeführt wurde.

Die Deutsche Erstaufführung fand am 30. September 1972 in Nordrhein-Westfalen statt. Im Düsseldorfer Schauspielhaus inszenierte Klaus Michael Grüber im Bühnenbild des spanischen Künstlers Eduardo Arroyo diese Antikriegs-Groteske über den Amerikaner Jim, der seinen Einberufungsbefehl nach Vietnam zerreißt und bei seiner Flucht nach Mexiko mit seiner Freundin erschossen wird – Zutritt verboten – Off Limits.

Das Leben ist grotesk, aber es soll weniger unmenschlich sein, das immerhin, auch wenn der Zutritt verboten ist, soll die Kunst versuchen zu leisten und manchmal, meist nur für Momente – ähnlich denen des Glücks – gelingt es ihr auch.

Wenn dies der Grund ist, warum wir tanzen und Theater spielen, dann wird eine Aufführung zum Erlebnis, lebt in uns weiter, dass Mensch sein mehr bedeutet, als körperliche Funktionalität und Grundversorgung.

Was Teilhabe heißt, wird hier undeutlich. Man kann auch teilhaben, ohne mitwirkender Teil zu sein, Partizipation muss nicht heißen, dass alle mittanzen und mitspielen. Aber Teilhabe heißt auch – jenseits des künstlerischen Prozesses, also auch politisch: die Möglichkeit haben, zu partizipieren, mit zu erleben, dabei sein zu können.

So wie Politik, nach meinem Verständnis, so bedingungslos wie möglich den materiellen Rahmen für Kultur und Kunst organisieren muss, so sollte jeder Mensch an Kultur und Kunst teilhaben können – jedenfalls kann und darf es keine materiellen Gründe geben, dass Menschen nicht ins Theater gehen können, wenn sie es wollen. Deshalb gibt es allerorten gestaffelte Preise, Sozialtarife und manchmal sogar „Kultur für umsonst“.

Dennoch grenzen sich Kultur und Kunst immer wieder ab, erscheinen institutionalisierte Kultureinrichtungen oft wie „verbotene Zonen“, ‚Off Limits„ also und irgendwie für viele Menschen nicht erreichbar. Da trifft man sich dann wieder – in umgewandelten Industriekathedralen und lauscht dem Zwölftonwunder Schönbergs – arrangiert in kunstvoll ineinander verschobenen Kulissen, gesungen von einem phantastischen Chorwerk Ruhr und namhaften Solisten und gespielt mit der Inbrunst, die sich auch in Off Limits-Zonen zeigt – aber nur dann, wenn man Zutritt bekommt.

Natürlich überzeichne ich dieses Bild. Nicht nur bei Arthur Adamov nannte man solche Überzeichnung Groteske. Aber auf jeden Fall ist eine Entwicklung beobachtbar, die gegenläufiger zu sein scheint, als wir es oftmals schon wahrhaben wollen. Denn es gibt das kreative Moment im Menschen, den Wunsch, sich auszudrücken, selbst zu singen und zu spielen – vielleicht nicht gleich Schönberg oder Adamov – oder warum eigentlich nicht?

Und gleichzeitig entwickelt sich im neuen Jahrtausend eine Kultur des ‚Konsumismo„ weiter, die mindestens selbstzerstörerische Elemente in sich birgt. Wie sagte es uns Oscar Wilde so treffend: "Heute kennen die Leute den Preis von allem und von Nichts den Wert."

Diese so verstandene Werte-Losigkeit, dieses wachsende Unverständnis darüber, was noch als konsensual empfunden wird, als sozusagen gesellschaftliche Übereinkunft darüber, was das Leben lebens-WERT macht, fordert zu Grenzüberschreitungen heraus.

Wenn die Menschen also eigentlich keinen Begriff mehr davon haben, was die Künste, das Kulturelle für ihr Leben bedeuten (können), wie finden wir auf Dauer noch zueinander? Und wie die Menschen zu den Künsten oder umgekehrt, die Künste zu den Menschen?

Es gibt – wie oben angesprochen – neue Formen der Teilhabe. Und diese Teilhabe im Sinne des Mittuns verbreitet sich im Kunstprozess erheblich. Immer mehr Menschen suchen Sinn in der Kreation, im selbst gestalten, spielen, tanzen, singen und beanspruchen mit entsprechenden Präsentationen und Aufführungen auch die ernsthafte Auseinandersetzung mit ihren Zuschauerinnen, Gästen, TeilhaberInnen.

Es stimmt, früher tat ein Teil dies für das Ganze – die einen spielten und die anderen gingen gucken – pars pro toto und heute treffen wir oft auf das Gegenteil: viele sind selbst kreativ, es gibt zahlreiche Angebote und Aufführungen: das Ganze steht hier für einen Teil: Totum pro parte – viele spielen und andere gehen gucken.

Die Fülle des Angebots – nicht immer des Wohllauts – parzelliert die Teilhabe.

Es finden auch in unserem Land jeden Tag tausende künstlerische Veranstaltungen an zig Orten statt und überall sind auch Gäste da, die teilhaben, Menschen, die spielen und immer noch auch Menschen, die gespielt bekommen (wollen).

Das Spielen ist menschlich. Alles Spiel, die Welt eine BĂĽhne! Spielen als Selbstbefreiung oder im Sinne Arthur Adamovs als Aufzeigen des Heilbaren und des Unheilbaren, Transformationsprozesse gestalten, Wandlungen erspielen, damit das Leben weniger unmenschlich sei.

Die enorme Herausforderung fĂĽr die KĂĽnste und die KĂĽnstlerInnen liegt genau in diesem weiten Spannungsfeld zwischen Teilhabe und Nicht-Teilhabe, zwischen Heilbarem und Unheilbarem und immer ist das Scheitern Teil der Kunst, des kĂĽnstlerischen Prozesses.

In den letzten 15 Jahren – auch ein internationales Festival für grenzüberschreitende Kunst wie „Off Limits“ hier in Dortmund hat daran einen entscheidenden Anteil – hat sich das Verhältnis von Spielenden und Bespielten ganz erheblich verändert. Richtig ist dabei auch, dass die immer noch fortschreitende soziale Spaltung unserer Gesellschaft sich auch in der kulturellen Teilhabe widerspiegelt.

Umso wichtiger sind alle kreativen Prozesse, die Ă–ffnung und GrenzĂĽberschreitung vorantreiben, Einbindung statt Ausgrenzung, Anmache statt Einmache provozieren, Teil des Ganzen sind und sich gleichzeitig immer auch als Ganzes begreifen, das einen Teil beschreibt.

Es klingt wie die Quadratur des Kreises, die physikalisch unmöglich ist, aber in der spielerischen Phantasie erlebbar werden kann – oder wie wollten wir jene Glücksmomente besser beschreiben, die im Leben eh selten, aber eben gerade auch durch die Künste erfahrbar sind, nämlich dann, wenn der Kreis zum Quadrat zu werden scheint. Dies ist immer eine höchst persönliche Angelegenheit.

Dass es eine höchst politische Aufgabe ist, solche Erlebnisse und die vielen Versuche auf dem Weg dahin, möglichst vielen Menschen zugänglich zu machen, versteht sich – für mich jedenfalls – von selbst.

Die Freiheit dies zu tun, müssen wir uns weiterhin in jeder Hinsicht leisten, denn sonst verlieren wir den Drang, die Empfindungen und die Kenntnisse, das Leben so menschlich wie möglich zu gestalten. Dabei kommt es bei den Entscheidungsträgern auf Einsichten an, von denen ich hier hoffentlich einige – was mich betrifft – vermitteln konnte.

Ohne diese Einsichten verkommt die Debatte um das Ermöglichen der Künste und des Kreativen, der Teilhabe und der damit verbundenen Überwindung der sozialen, also gesellschaftlichen und kulturellen Spaltung, zu einer Zweckdebatte, die irgendwelche Mittel heiligt. Das ist mir zu wenig. Kunst ist zwecklos, aber voller Sinn!

Und das Scheitern ist der Kunst immanent. Wie dem Leben. Aber da halte ich es – und das sage ich hier nicht zum ersten Mal – gerne mit Samuel Beckett:

“Ever try, ever fail, no matter. Try again, fail again, fail better.”

Ich danke Ihnen fĂĽr Ihre Aufmerksamkeit.

 

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