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Presse

Beitrag zum GAR-Forum, Heft 2/2001

31.03.01

KULTUR KOMMT VOR DER WIRTSCHAFT


(Beitrag von Oliver Keymis im GAR Forum Kommunale Kulturpolitik Heft 2 MĂ€rz/April 2001)

GRÜNE und Kultur wurden lange Jahre nur selten in einem Atemzug genannt.

Es gab (und gibt) natĂŒrlich die Unentwegten, die sich der Kultur und hier vor allem der Kulturpolitik verschrieben haben, aber so richtig nah brachte man GRÜNE und Kultur nicht miteinander in Verbindung. Das ist eigentlich merkwĂŒrdig. Denn wenn man sich umschaut, ĂŒbrigens nicht nur in NRW, dann entdeckt man bei genauerem Hinsehen (oder Hinfahren), dass es an vielen Orten gerade DIE GRÜNEN sind, die wert- und geschichtsbewußt sich kulturell engagieren, fĂŒr die Restaurierung alter wĂŒrdiger GemĂ€uer, die Errichtung oder Einrichtung von Museen und Galerien und natĂŒrlich fĂŒr die GrĂŒndung von kommunalen Kulturzentren eintraten und eintreten. GRÜNE engagieren sich vor Ort fĂŒr Kulturarbeit mit Kindern und Jugendlichen und beteiligen sich aktiv in den KulturausschĂŒssen der StĂ€dte und Gemeinden.

Denn Kulturpolitik in NRW, wie ĂŒberhaupt in Deutschland, ist vor allem eine kommunale Aufgabe. Die Selbstverwaltung ist der traditionsreiche „Link” zwischen den bĂŒrgerlichen Kultureinrichtungen vergangener Jahrhunderte und Jahrzehnte und den modernen Zentren heute. Alternative Kulturtreffs, kleine Kellertheater und KabaretthĂ€user sind das bĂŒrgerlich-alternative Pendant zur frĂŒher auch „bei GrĂŒns” so verpönten „Hochkultur”. Aber das ist ja, Gott sei Dank, inzwischen kalter Kaffee.

„Die Kategorien sind in der schĂ€ndlichsten Verwirrung”, sagt der König Peter aus dem Reiche Popo in Georg BĂŒchners „Leonce und Lena” (1/2), jener König, der sich einen Knoten ins Taschentuch machen muss, um sich an sein Volk zu erinnern und der seinen Sohn, den Prinzen Leonce mit der Prinzessin Lena aus dem Reiche Pipi verheiraten will. Und BĂŒchners ironisch-melancholischer Betrachtung deutscher Kleinstaaterei entnehmen wir u.a. auch den höfischen Grund dafĂŒr, dass es seit dieser Zeit so viele Stadttheater ĂŒberall in unserem Land gibt.

Einige Fakten: 66 Theater wurden vor drei Jahren zuletzt fĂŒr NRW offiziell ermittelt,

ca. 400 Freie Theatergruppen, rund 10.800 machen in NRW professionell Theater.

Und erst die Musik! 13 Musiktheater, 24 professionelle Orchester, 170 Musikschulen, ca. 3.300 Laien-Chorgruppen, ca. 284.000 Menschen singen in ihrer Freizeit in NRW.

Und der Tanz im Tanzland NRW: ca. 400 Ballettschulen, ca. 1000 Tanzschulen und Tanzvereine, ca. 280.000 TanzschĂŒlerInnen!

Und die BĂŒcher: 2.600 Bibliotheken, allein 717 kommunale darunter, rund 67 Millionen Entleihungen pro Jahr! Rund 650 Verlage, ca. 1000 Buchhandlungen.

Und die Kunst: 600 Museen, 122 Ausstellungshallen, 30 Kunstvereine, rund 2000 bildende KĂŒnstlerInnen zahlen in NRW ihre Steuern.

Allein dieser unvollstĂ€ndige Überblick ĂŒber einige NRW-Kulturdaten macht deutlich, was fĂŒr ein wichtiges Feld die Kulturpolitik in NRW darstellt. Und welch‘ ein weites Feld!

Was nun suchen hier DIE GRÜNEN: In diesen Wochen diskutieren sie in ihrer Bundesarbeitsgemeinschaft Kultur ĂŒber einen Beitrag fĂŒr das GRÜNE Grundsatz-programm und ringen um Worte, Werte und ein grĂŒnes SelbstverstĂ€ndnis von Kulturpolitik. Und um es gleich offen zu schreiben: es ist verdammt schwer. Denn so ohne weiteres lĂ€sst sich ein spezifisch grĂŒnes Profil GAR nicht herausarbeiten.

NatĂŒrlich gilt: Die Kunst ist frei. Kulturpolitik muss Rahmenbedingungen fĂŒr die Autonomie der KĂŒnste demokratisch gestalten. Denn Kunst und Kultur brauchen unsere fortwĂ€hrende gesellschaftliche UnterstĂŒtzung in jeder Hinsicht. KĂŒnstlerInnen brauchen aber auch die Auseinandersetzung mit den Menschen, die sich mit ihren Arbeiten beschĂ€ftigen, ihrer Umwelt, der Geschichte, dem Ort, an dem sie schaffen; denn nur auf solcher Basis entstehen die EntwĂŒrfe fĂŒr Morgen, wachsen TrĂ€ume und Gedanken, klingen Töne und Farben, entstehen Visionen.

Joseph Beuys‘ Forderungen nach der „sozialen Plastik”, sein „erweiterter Kunstbegriff”, seine Vision davon, dass alle Kultur Grundlage allen Wirtschaftens ist, die Jeremy Riffkin im September 2000 in einem taz-GesprĂ€ch auf die so simple wie richtige Formel brachte: „Kultur kommt vor der Wirtschaft”; diesem grundlegenden VerstĂ€ndnis von der Bedeutung der Kultur fĂŒr die Menschen fĂŒhle ich mich gerade auch als GRÜNER verpflichtet. „Weil die Frage, wie wir leben und wie wir leben wollen, vor allem auch eine Frage der Kultur ist, so ist der Wechsel zu einer ökologisch verantwortlichen Lebens-weise auch eine Frage von Kultur, Kunst und Kulturpolitik“, schreibt der stellvertretende GeschĂ€ftsfĂŒhrer der Kulturpolitischen Gesellschaft e.V. Bernd Wagner in einem Vortrag 1999 und beschreibt damit einen weiteren wichtigen Aspekt grĂŒner Kulturpolitik. Wie gehen wir um mit unserem Raum, unserer Zeit. Haben wir noch ein Maß von alledem? Ein nachhaltiges Bewusstsein?

Die Palette grĂŒner kulturpolitischer Schwerpunkte reicht also weit: Wir verstehen unser Land als ein Einwanderungsland und sehen die enorme Bedeutung, die ein friedliches, neugieriges Miteinander der Kulturen hat, ja legen genau auf diese multikulturelle Tradition unseres alten europĂ€ischen Kontinents besonderen Wert. Menschen aller HerkĂŒnfte sind durch ihre kulturelle IdentitĂ€t erleb- und erfahrbar – wie wir selbst es auch dadurch sind. Wir stehen fĂŒr eine Kultur der Anerkennung.

Wir GRÜNE verstehen uns als InteressenvertreterInnen der soziokulturellen Zentren, denn dort findet „Kultur(arbeit) fĂŒr alle“ statt.  Wir GRÜNE verstehen uns auch als die UnterstĂŒtzerInnen der Freien Szene, der kleinen Kunstkinos, der Galerien und KammerbĂŒhnen, der sogenannten Nischen – und all das ist gut, wichtig und richtig.

Entscheidend aber ist fĂŒr mich, dass wir GRÜNE diese Interessen schon lange nicht mehr in den Gegensatz zur ehemals sogenannten Hochkultur stellen. Nein, wir selber gehen ab und an ins „richtige” Theater, besuchen die Konzert – und OpernhĂ€user, entscheiden uns gerne fĂŒr eine Ausstellung in der stĂ€dtischen Kunsthalle und genießen die staatlich subventionierte QualitĂ€t von Kunst und Kultur jenseits der elektronischen Massenmedien-Angebote auf vielerlei vielfĂ€ltige Weise. Und viele gerade auch unserer WĂ€hlerinnen und WĂ€hler machen es genauso.

Und uns allen ist bewusst, dass eben ohne die „Staatsknete” dieser ungeheure kulturelle Reichtum nicht mehr erlebbar wĂ€re. Eine Aufgabe in den (eigentlich fĂŒr die Kultur ja immer andauernden) Zeiten „leerer Kassen” sollte es daher sein, neue Modelle des Betriebs kultureller Einrichtungen zu entwickeln. Kulturpolitik sollte die mögliche Zusammenarbeit beispielsweise zwischen Kulturzentrum und Stadttheater da fördern, wo es den einzelnen Betrieb befördert, Musikschulen in ihrer Betriebsform auf eigene Beine stellen und die stĂ€dtischen bzw. staatlichen Betriebe wieder beweglich zu machen,  wo sie institutionell eingerostet sind. Dabei sollten wir GRÜNE keinesfalls vom „schlanken Staat” oder von „weniger Staat” schwatzen, wie es aus anderen politischen Formationen beinahe „staatsfeindlich“ klingt, sondern uns auf die gesellschaftspolitische Bedeutung unserer Kultureinrichtungen besinnen und eben durch moderne, marktwirtschaftlich orientierte Konzepte innerhalb der kommunalen Einrichtungen fĂŒr mehr Effizienz eintreten. Weniger BĂŒrokratie sollte dabei endlich durch ein Mehr fĂŒr Kunst und Kultur ausgeglichen werden.

Einsparpolitik ist da ĂŒbrigens kein hilfreicher Partner, sondern vermittelt nur einen rein krĂ€merischen Zugang zu Kunst und Kultur, dem wir uns von vornherein verweigern sollten. Keinesfalls nĂ€mlich wird irgendwo in NRW oder in Deutschland ĂŒberhaupt zuviel Geld fĂŒr Kunst und Kultur investiert. Die einzig legitime Frage, die sich immer wieder neu und oft auch immer wieder anders stellt: Investieren wir wirklich genug und genĂŒgend wirkungsvoll in Kunst und Kultur und behalten wir im Auge, wie sich die Summen auf die verschiedenen Bereiche verteilen?

Sicher ist: Es könnte in vielen Bereichen der grĂ¶ĂŸeren Apparate flexibler gearbeitet werden - nicht um schlanker, aber um beweglicher zu werden und zu bleiben. Alle, die beruflich mit diesen VerhĂ€ltnissen umgehen, wissen, was gemeint ist. Gleichwohl gilt auch die Feststellung, dass in all diese Bereiche in den letzten Jahren bereits viel Bewegung gekommen ist. Daran waren sehr oft GRÜNE Frauen und MĂ€nner in verantwortlichen Positionen als KulturdezernentInnen oder KulturamtsleiterInnen geradezu vorbildlich beteiligt. Einschneidende VerĂ€nderungen zu erreichen, ohne einzuschneiden, darin liegt die Kunst einer zukunftsgewandten Kulturpolitik.

Dass die Kassen der Kommunen klamm sind, ist bekannt. Im Rahmen ihrer freiwilligen Leistungen tragen sie nach wie vor den Hauptanteil der Kulturkosten. Das wird auch – schon um des hohen Gutes der kommunalen Selbstverwaltung willen – so bleiben. Das Land ist in zweierlei Weise in die Förderung von Kunst und Kultur in NRW eingebunden: zum einen durch die GFG-Mittelzuweisung an die Kommunen und zum zweiten durch einen eigenen, zugegebenermaßen steigerungsfĂ€higen Kulturetat, der – auch wenn sich Statistiker darĂŒber im Detail noch auseinandersetzen – rund 300 Millionen DM betrĂ€gt. Bei 18 Millionen Menschen in unserem Land sind das pro Kopf ziemlich genau DM 16,67.

Aber es soll ja nun voraussichtlich etwas mehr werden. Nordrhein-Westfalen hat kulturell noch ein großes Entwicklungspotential. Sein Zentrum, wer wollte dies ernsthaft bestreiten, liegt in der Metropole Ruhrgebiet. Dort nun plant das Land eine anhaltende „kulturelle ErtĂŒchtigung” unter dem Titel „Kultur im Industrieraum”. Es soll in Kontakt und Zusammenarbeit mit den Kunst- und Kulturaktiven der ganzen Region noch mehr entfaltet werden auf der Basis von vielem, was dort bereits seinen Platz hat – von mir aus mindestens punktuell am liebsten von Moers bis Hamm, möglichst noch mit Ausstrahlungen in die Rheinschiene und ins MĂŒnsterland. Wer sich fĂŒr Kunst und Kultur engagiert oder selbst kĂŒnstlerisch arbeitet, kann einen solchen Plan, im Durchschnitt jĂ€hrlich rund 30 Millionen DM fĂŒr mehr Kultur zu investieren, eigentlich nur begrĂŒĂŸen. Und sicher ist auch: Wenn man solch‘ ein ambitioniertes Projekt solange nicht wagt, wie immer noch Defizite im Kulturbereich zu beklagen sind, wagt man es nie. Ich setze glatt auf das Gegenteil: auf eine Entwicklung, die Kunst und Kultur in NRW insgesamt stĂ€rker beflĂŒgelt und die Bereitschaft aller Verantwortlichen in Stadt und Land steigert, der Kultur und den KĂŒnsten mehr Aufmerksamkeit zu schenken und damit auch mehr Mittel zu gewĂ€hren.

KreativitĂ€t ist gefordert. FĂŒr die anstehenden Herausforderungen gibt es keine Patentrezepte. Aber wenn es den gemeinsamen politischen Willen gibt, die KĂŒnste und alle Kultur nachhaltig zu unterstĂŒtzen, dann wird es auch die Wege geben, die der Bedeutung gerecht werden, die ein lebendiges kulturelles Leben als Zukunftsinvestition hat. Letztlich gilt es, demokratisch gesehen, frei nach Bertolt Brecht, aus einem kleinen Kreis der Kenner einen großen Kreis der Kenner zu machen. Dass dabei die WidersprĂŒche zwischen Masse und Klasse, zwischen dem, was die einen als kunstvoll, die anderen als kunstlos betrachten, nicht endgĂŒltig aufgehoben werden können, liegt auf der Hand. Aber es gilt auch die Feststellung Richard von WeizsĂ€ckers aus dem Jahre 1987, die auch der erste GRÜNE Kulturminister in NRW seiner Grundsatzrede im Kulturausschuss des Landtags voran stellte: „Kultur ist das eigentliche Leben. Sie liegt der Politik und Wirtschaft, dem Lokalen und dem Feuilleton zugrunde und verbindet sie. Kultur ist kein Vorbehaltsgut fĂŒr Eingeweihte, sie ist vielmehr unser aller Lebensweise. Sie ist folglich auch die Substanz, um die es in der Politik geht.”

Von: Oliver Keymis

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