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Presse

Die RuhrTriennale oder Die Wiedererrichtung des Himmels

25.07.03

„Sie stehen dann auf Platz 20 der Warteliste“, lĂ€chelte mich die junge Frau freundlich an der Abendkasse in der Jahrhunderthalle an. Nun, ich hatte es gewagt. Ohne mich vorher anzumelden und Karten vorzubestellen, hatte ich mich auf den Weg nach Bochum gemacht, um an einem Sonntagabend die letzte Vorstellung der „Sentimenti“ zu sehen, von der man schon so viel Gutes gehört hatte. Und was man nicht noch alles gehört hat ĂŒber die RuhrTriennale: Es gĂ€be immer genĂŒgend Restkarten, die Platzausnutzung lasse zu wĂŒnschen ĂŒbrig, die Eintrittskarten wĂŒrden teilweise verschenkt. Es mag ja alles schon mal vorgekommen sein. Ich aber stand auf Platz 20 der Warteliste. Die RuhrTriennale, das Megafestival, der Leuchtturm im Revier mit dem - wenn man es so nennen darf - Hauptspielort „Jahrhunderthalle“: Superlative, wohin man sieht und hört. Geht es eigentlich auch eine Nummer kleiner? Nein. Wer sehen will, was die Ruhrstadt heute kulturell und ĂŒberhaupt zu bieten hat, der braucht weder eine Triennale, noch einen Leuchtturm. Hier gibt es nĂ€mlich schon FördertĂŒrme und jede Menge Kultur in allen Formen, Farben und Nuancen. Multi-Kulti und als Festival, stadttheaternd oder soziokulturell, auf jeden Fall kann - wer das will - in einem normalen Kulturjahr an der Ruhr vom „Welttheater der Straße“ ĂŒber die „Ruhrfestspiele“ bis zum iranisch-deutschen Theatertreffen im MĂŒlheimer „Theater an der Ruhr“ auf einmalige Weise erleben, was eine Kulturmetropole zu bieten hat: alles, was möglich ist - nur keine Langeweile.

Und nun setzt der erste Intendant der landespolitischen Kreation „RuhrTriennale“, der flĂ€mische Kulturmissionar (Vacature, Magazine, 7. Mai 2003) Dr. Gerard Mortier, der Ruhrstadt ihre Krone auf. Nicht sich. Sondern der ganzen Region. Er spricht von den „Kathedralen der Industrie-Kultur“, verfĂŒhrt uns zu berĂŒhrenden Begegnungen mit hoch spannenden Kreationen aus Musik, Tanz und Theater, experimentiert mit unseren christlich-abendlĂ€ndischen Traditionen und kulturell Tradiertem, trĂ€umt von der „Wiedererrichtung des Himmels“ und fĂŒhrt uns mit hohem Anspruch und starkem Konzept durch eine FĂŒlle von musisch-sinnlichen Erlebnissen, die Kopf und Herz beleben und die Ruhrstadt und ihre Industrie-KULTUR-StĂ€tten auf neue und doch vertraute Weise erfahrbar machen. Manche kritisieren dies allzu vordergrĂŒndig und interpretieren das beschriebene Experiment, als versuche man, dem Fass den Boden auszuschlagen. Den Untergang des kulturellen NRW- Abendlandes sahen einige kritische Kulturschaffende beinahe heraufziehen, weil die Landesregierung dem Parlament mit Erfolg vorschlug, 41 Millionen Euro in drei Jahre RuhrTriennale zu investieren, darin enthalten auch die EU- Fördermittel fĂŒr Strukturwandel-Regionen, nicht jedoch die Gelder fĂŒr die bauliche und technische ErtĂŒchtigung der Spielorte. Die Umwandlung der „Kathedralen des Industrie- Zeitalters“ zu Kunst-und Theaterhallen des Computer- Zeitalters war teuer und sinnvoll. Die Fortsetzung des Strukturwandels mit anderen Mitteln ist eine immense Herausforderung fĂŒr die Ruhr-Region und fĂŒr Nordrhein- Westfalen insgesamt. Offen heraus: Wo wĂ€re eigentlich die Republik, wenn es nicht zum Wiederaufbau diese Kohle-und Stahlregion unseres Landes gegeben hĂ€tte? Alle, die sich darĂŒber Gedanken machen, wissen es. Sie wissen, dass ohne die „Ruhris“ Deutschland nicht stĂŒnde, wo es steht.

Zwar fehlen hier in NRW im Gegensatz zu Bayern beispielsweise die fĂŒrstlich-königlichen Traditionen, denn Hoftheater und Staatsopern sind in NRW nicht anzutreffen. Aber hier haben die BĂŒrgerinnen und BĂŒrger sich ihre Theater selbst gebaut, in einer Dichte, um die uns die kulturinteressierte Welt wohlwollend beneidet. Und neuerdings noch mehr als frĂŒher. Daran hat bereits das europĂ€ische Festival „Ruhrfestspiele“ einen seit Jahren wachsenden Anteil und auf dem vielfĂ€ltigen, breit getragenen und schon immer gerne genutzten Kulturangebot in der Ruhrstadt setzt nun die RuhrTriennale bewusst auf und beginnt, im zweiten Jahr ihres Bestehens, im Hauptjahr also, immer grĂ¶ĂŸer werdende Kreise zu ziehen, Ă€hnlich jenen, die man beobachten kann, wenn man einen Stein in den Baldeneysee wirft. 15% der GĂ€ste sind AuslĂ€nderInnen, 85% sind InlĂ€nderInnen, die Platzausnutzung erreichte bereits bis zum Juli 2003 gut 82%, und wie wir inzwischen wissen, ist der volkswirtschaftliche Effekt erheblich: Zwei Drittel der fĂŒrs Festival verausgabten Gelder fließen ĂŒber die vielfĂ€ltigsten Wege wieder zurĂŒck in unsere gemeinsame Kasse. Was ist dagegen eigentlich zu sagen? Richtig: Nichts. NatĂŒrlich können wir uns auch Gedanken machen ĂŒber die Kunst. Ist das wirklich erstklassig, was hier und dort in fast 130 Veranstaltungen allein 2003 im Ruhrgebiet geboten wird? Ja, das ist es. Wer die internationale Presseschau liest, kann es ahnen, ohne eine AuffĂŒhrung gesehen zu haben. Sicher, manche waren auch enttĂ€uscht von manchem Abend, andere waren drei Mal in der gleichen Inszenierung und konnten sich noch nicht satt hören und sehen. Wieder andere können „mit solchem Zeug eh nix anfangen“ und kommen erst gar nicht.

Auch deren Geld fließt in die Kunst. Aber mal ehrlich und umgekehrt: wie viel mehr Geld fließt in Dinge, die wir Kunstzugewandte, wir Theater-Musik-Tanz-und Triennale- Begeisterte fĂŒr absolut ĂŒberflĂŒssig halten? Wer will ernsthaft so rechnen? Kulturpolitik ist Gesellschaftspolitik. Kunst und Kultur sind Lebenselixier, bilden die Basis des menschlichen, zivilisierten Miteinanders. Vielleicht ginge es auch ohne - ich möchte aber nicht wissen wie! So geht von der Ruhrstadt, dem Herzen des Landes, auch heute wieder ein Pulsschlag aus. Die Kulturstadt Ruhr hat mit der RuhrTriennale gewissermaßen ein Geschenk erhalten, vielleicht als ein bescheidenes Dankeschön fĂŒr die enorme Leistung des Wiederaufbaus und des sich immer noch vollziehenden Strukturwandels, auch - um nichts auszulassen -von der Waffenschmiede Deutschlands zum kulturellen Schmelztiegel eines alten, neuen Europas, in dem die Regionen in Zeiten der Globalisierung ihre kulturelle Vielfalt als Reichtum entdecken. Vor diesem Hintergrund erhĂ€lt die RuhrTriennale in der Ruhrmetropole eine neue, herausgehobene Bedeutung, die ĂŒber das manchmal doch eher klein karierte Karo der regionalen Diskussionen ĂŒber die richtige Verwendung der ohnehin fĂŒr eine 18 Millionen-Einwohner-Region wie NRW insgesamt eher bescheidenen Kulturausgaben hinaus scheint. Man bedenke: nur gut ein viertel Prozent des Landeshaushaltes fließt in Kunst und Kultur des Landes NRW, wĂ€hrend die 396 StĂ€dte und Gemeinden die großen, wichtigen und notwendigen Kulturausgaben vor Ort verantworten. So sind die Mittel fĂŒr die RuhrTriennale eben nicht eine aus dem Kulturhaushalt herausgeschnittene Eventsumme, sondern der zusĂ€tzlich zum immer noch viel zu schmalen Kulturetat immerhin gemeinsam organisierte Versuch, unserem Land aus seinem Herzen heraus neue AnziehungskrĂ€fte zu verleihen. Dass solcherart anspruchsvolles Unterfangen ein enormes Experiment darstellt, ist allen bewusst, die es mit verantworten. Und dass dieses Experiment - soviel lĂ€sst sich zur Halbzeit mindestens schon sagen - gelungen ist, freut nicht nur die Kultur-Begeisterten, sondern auch jene, die zunĂ€chst eher skeptisch auf solche Ausgaben geschaut haben, inzwischen aber auch angesichts der Zahlen und Fakten selbst nachrechnen konnten, dass es sich in jeder Hinsicht lohnt, in die Kultur zu investieren. Dass gerade auch junge Leute sich von den alten Hallen angezogen fĂŒhlen, in denen ihre VĂ€ter, meist schon GroßvĂ€ter und ebenso auch MĂŒtter und GroßmĂŒtter fĂŒrs tĂ€gliche Brot geschuftet haben, birgt einen besonderen Reiz der Begegnung mit der eigenen Geschichte und sicher stand ich auch deshalb auf Platz 20 der Warteliste fĂŒr die „Sentimenti“: weil eben doch so viele Menschen erleben wollten, was es mit dem Schicksal der Ruhrpott-Familie aus dem Buch „Milch und Kohle“ von Ralf Rothmann und der Verdi-Musik eigentlich auf sich hat und warum sich die eigene Geschichte - auch wenn sie vielleicht gar nicht im Ruhrgebiet gelebt wurde - doch auch dort wieder finden lĂ€sst. Ist das das Geheimnis hinter den vielen Worten und Taten? Das sich das Kleine mit dem Großen derart kunstvoll vereinen lĂ€sst, dass sich die sehr verschiedenen Schicksale der Familie PhĂ€dras und der Ruhri-Familie deshalb gleichen, weil alle Menschen die Liebe suchen und den Tod fĂŒrchten - und umgekehrt? Und wer, wenn nicht KĂŒnstlerinnen und KĂŒnstler sollten diesen Fragen mit ihren Mitteln, den Mitteln des Spiels, der (Theater-)Kunst in diesen gewaltigen RĂ€umen der Arbeit nachgehen? Warum funktionieren die ewigen Mythen der alten „Kultur- Industrie“ (Ă  la Racine, Mozart oder Verdi) so eindrucksvoll in den neuen und doch archaischen Orten der Industrie-Kultur? Vielleicht weil das Erhabene sie Ă€hnlich miteinander verbindet wie das von Menschen Erlebte? Mal ehrlich: wenn man von Gefallen und Missfallen absieht, von Fragen des Geschmacks und des persönlichen Zugangs zu Kunst und Kultur, zu Themen und Stilen, so steht die RuhrTriennale in einer ganz eigenen Weise in ganz einzigartigen RĂ€umen ganz vielen Menschen zur seelischen Erbauung und zur Unterhaltung der Sinne und des Geistes zur VerfĂŒgung. Das klingt mindestens so altertĂŒmlich wie die Alexandriner von Racine und es ist doch ebenso zeitgemĂ€ĂŸ und aktuell wie dessen Dichtung. Davon mitten im Ruhrpott erfahren zu haben, strahlt mehr ins Innere, als so mancher beachtliche Leuchtturm nach außen. Deshalb ist die RuhrTriennale auch kĂŒnftig alle Anstrengungen wert und steht keinesfalls im Gegensatz zum Bestehenden, sondern weckt neues, zusĂ€tzliches Interesse, wie auch die erfreulichen Zuschauerzahlen der integriert laufenden Festivals „Off Limits“(Internationales Theaterfestival u. Kongress) und „Fidena“ (Figurentheater der Nationen) belegen. So soll es sein. Dr. Gerard Mortier kennt seine nĂ€chste ArbeitsstĂ€tte, die OpĂ©ra de Paris und seinen Nachfolger: JĂŒrgen Flimm. Mit seiner Wahl zum Intendanten der zweiten RuhrTriennale verbinden sich hohe Erwartungen. Dass es sie geben muss, daran sind Zweifel nach allem, was wir heute wissen, nicht mehr erlaubt. Bleibt nur noch die Frage: wie? Der neue Intendant arbeitet schon an der Antwort und sicher - so wie wir ihn kennen - auch an den neuen alten ewigen Fragen, welche die Menschen und deshalb auch die Kunst immer wieder beschĂ€ftigen. Dem guten Ruf der RuhrTriennale und damit der Ruhrmetropole als ‚Weltkulturmetropole’ sind wir in NRW nun verpflichtet. Es geht eben keinesfalls um kurzlebige „Event- Kultur“, sondern um Kultur als nachhaltigem Ereignis. Wenn John Rockwell in der New York Times vom 15. Mai 2003 in einem reprĂ€sentativen, mehrseitigen Bericht u.a. sinnfĂ€llig formuliert, dass die Ruhrregion einst Deutschlands „Hauptquartier fĂŒr Kohle, Stahl und Schwerindustrie (und vormals Waffenproduktion, wie mancher sich erinnert) war“; wenn also im fernen Amerika im Zusammenhang mit der RuhrTriennale auch auf diese deutsche Wahrheit angespielt wird, dann ahnt man einmal mehr, wogegen wir Deutsche in der Welt wirklich anspielen mĂŒssen. Die RuhrTriennale ist ein Festival in NRW und auch schon ein Kulturfest in Deutschland. Sie ist bereits ein Markenzeichen der Kultur in Europa und damit eben auch ein friedvolles Zeichen der Zivilisation und der Menschlichkeit. FĂŒr die letzte Vorstellung der „Sentimenti“ gab es ĂŒbrigens nur noch Karten bis zum Platz 17 der Warteliste. Der Zufall wollte, dass ich dennoch GlĂŒck hatte. Wer den Abend erlebt hat, kann das bestĂ€tigen.

 

 

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