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Presse

16. Kölner Gespräch zu Architektur und Denkmalpflege

27.05.13

In den letzten Wochen schlug das Thema „Zukunft des Denkmalschutzes in NRW publizistisch hohe Wellen. Am 27. Mai 2013 habe ich mich auf einer Tagung „16. Kölner Gespräche“ des Landschaftsverbands Rheinland in einer Rede zum Thema „Denkmalpflege“ geäußert, die Sie hier nachlesen können. Außerdem finden Sie hier das „Fact-Sheet“ des zuständigen NRW-Bauministeriums zum Denkmalschutz in NRW.

Download der Rede (PDF)
Pressemitteilung des LVR zur Rede (PDF)


Rede:
„Ehrenamt und bürgerschaftliches Engagement in der Denkmalpflege“

Ehrenamt – Störfaktor oder Potenzial?

Oliver Keymis MdL,
Vizepräsident des Landtags NRW
„Kultur braucht bürgerschaftliches Engagement“

Anrede,

„Wir haben unheimlich viel in Eigenleistung gemacht. Wobei nicht der Beginn zu loben ist, sondern das Durchhalten“, mit diesen wichtigen Worten wird Franz-Josef Schönebeck, der Vorsitzende des Heimatvereins Borghorst e.V. auf Seite 56 in dem Buch zur Ausstellung „Unser Denkmal. Wir machen mit“ zitiert, die einen wichtigen Anlass bietet, „Ehrenamt und bürgerschaftliches Engagement in der Denkmalpflege“ und damit auch die Frage „Ehrenamt – Störfaktor oder Potenzial?“ heute hier auch zum zentralen Thema der „16. Kölner Gespräche“ zu machen.

Und ich freue mich, dass ich heute hier die Ehre habe, zu Ihnen sprechen zu dürfen, als Vizepräsident des Landtags Nordrhein-Westfalen und vielleicht auch, wenn Sie es mir nicht übel nehmen, als Sprecher für Kultur- und Medienpolitik der GRÜNEN im Landtag Nordrhein-Westfalen.

Nicht dass ich hier heute parteipolitische Argumente vortragen werde, aber wir sollten uns gemeinsam noch einmal genau ansehen, was uns diejenigen angekündigt haben, die derzeit hier in Nordrhein-Westfalen die politische Verantwortung von den Wählerinnen und Wählern für die Jahre von 2012 bis 2017 übertragen bekommen haben und es wird, so hoffe ich, damit unser gemeinsames Anliegen, dass es auch zur Umsetzung dieser Ankündigungen kommt.

Bürgerschaftliches Engagement, ehrenamtliches Engagement in der Kultur und ebenso in der Bau- und Bodendenkmalpflege ist nicht nur hier in Nordrhein-Westfalen der entscheidende Stützpfeiler einer vielfältigen, nachhaltigen und in ihrer Verdichtung sicherlich besonderen Kulturlandschaft, die gerade auch deshalb für uns alle so bedeutsam ist, weil nicht nur der Zweite Weltkrieg und die Industrialisierung, die enorm gewachsene Verkehrsinfrastruktur und der anhaltend heraus-fordernde Strukturwandel unser Nordrhein-Westfalen seit 1945 in fast jeder Hinsicht immer wieder neuen Gestaltungs-bedingungen aussetzen.

Die Menschen haben sich diesem Wandel gestellt, Zerstörung und Wiederaufbau, Naturverlust und Renaturierung, Industrie-aufbau und –abbau, über- und unter Tage, Einwanderung und Integration, insgesamt gelingt es uns trotz allem, mehr oder weniger weitgehend friedlich mit rund 18 Millionen Menschen hier in diesem Land zu leben und zu wirtschaften, einer der stärksten Wirtschaftsstandorte Europas und weltweit auf Platz 19 der Industriestaaten. Weltweit.

Warum das so ist? Ich denke, es hat, gerade auch in diesem Bindestrichland, etwas mit der regionalen Identität, der lokalen Bindung zu tun, mit dem sich heimisch fühlen in den Städten und Gemeinden in Lippe, in Westfalen oder im Rheinland, mit verschiedenen Mentalitäten, die aber doch irgendwie verbandelt sind – zur Not immer wieder nach dem alten und schon fast zu oft zitierten Motto „es ist furchtbar, aber es geht“ des rheinischen Kabarettisten Jürgen Becker.

Gerade weil wir ein teils so stark zerstörtes und industriell-infrastrukturell genutztes Land waren und sind, tragen wir alle, ob ehrenamtlich und hauptamtlich, für unsere Lebensräume, unsere Kulturlandschaften, unsere Architektur und damit immer auch für die Bau- und Bodendenkmalpflege hier in Nordrhein-Westfalen eine ganz besondere Verantwortung – nicht nur für unsere gemeinsame Lebensqualität, sondern auch für unsere gemeinsame Erinnerungskultur.

Daran, dass wir bewahren und entwickeln, erinnern und gestalten, wirken beispielhaft, neben den beiden Landschafts-verbänden LWL und LVR, die NRW-Stiftung Natur-Heimat-Kultur ebenso intensiv mit, wie der Rheinische Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz und der Westfälische Heimatbund Münster.

Und natürlich leisten auch die zahlreichen EhrenamtlerInnen der Deutschen Stiftung Denkmalschutz wichtige Arbeit im Rahmen dieser privaten, gemeinnützige Stiftung, die seit ihrer Gründung 1985 bundesweit rund 500 Mio. € in die Denkmalpflege investieren konnte und unter der Schirm-herrschaft des Bundespräsidenten steht.

Den meisten von uns wird die Arbeit dieser bundesweit von über 200.000 Förderern getragenen Stiftung vor allem alljährlich durch die Koordination des bundesweiten „Tags des Denkmals“ bewusst, wenn die rund 80 Ortskuratorien ihre ehrenamtlich betreuten Projekte einer zahlreich interessierten Öffentlichkeit zusammen mit den vielen ehrenamtlich aktiven Heimat- und Denkmalvereinen vor Ort präsentieren.

All dieses vorbildliche ehrenamtliche Engagement wird nicht nur in politischen Sonntagsreden gefordert und gelobt, sondern – wie Sie es heute bemerken – auch am heutigen Montag sehr ernst genommen und besonders gewürdigt!
Und damit ist die Frage dieses Themenblocks aus meiner Sicht klar beantwortet: Das Ehrenamt ist kein Störfaktor, sondern ein besonders werthaltiges Potenzial!

Weil hier Teilhabe gelebt wird, weil sich Menschen ehrenamtlich stark machen, ihr Wissen, ihre Kompetenz, ihre Verantwortung für ihr Gemeinwesen auf vielfältige und oft phantasiereiche Weise einbringen und weil sie ein Beharrungsvermögen und eine Bereitschaft zu Kontinuität beweisen, wie man es so beispielhaft gerade im Ehrenamt immer wieder erleben kann.

Weil man freiwillig schuftet und weil es einem (meistens) auch Freude macht – ganz im Geiste der kleinen Sentenz des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann, der auf die Politik bezogen und an Hannah Arendt erinnernd, gesagt hat, „Politik muss nicht Spaß machen, sondern Sinn.“

Allerdings macht diese Arbeit nur dann Sinn, wenn weiterhin gilt, was wir uns gemeinsam politisch zur Aufgabe gemacht haben:
Ohne staatliche Unterstützung und entsprechendes, verbindliches Regelwerk hat es auch das engagierte Ehrenamt schwer, es braucht eine Art solidarische Rückendeckung der demokratischen Gesellschaft, die es dann erfolgreich mit prägt, wenn Ehrenamt und Hauptamt klug und verständig, nicht konfliktlos, aber möglichst an der Sache orientiert und am Gelingen interessiert, miteinander arbeiten.

Immerhin steht die Förderung von Kultur, Denkmalschutz und auch Sport in unserer Verfassung und die Zuständigkeit für die Kulturförderung wie für Denkmalschutz und Denkmalpflege liegt nach unserer Verfassungsordnung bei den Ländern.

Die meisten Länder haben dieser Aufgabe auch Verfassungs-rang zugewiesen. So, wie auch wir hier in NRW: Kultur und Denkmalschutz finden wir in Artikel 18, Satz 1 und 2 wieder, was allen Kundigen geläufig ist. Dort heißt es unmissverständlich:

„(1) Kultur, Kunst und Wissenschaft sind durch Land und Gemeinden zu pflegen und zu fördern.

(2) Die Denkmäler der Kunst, der Geschichte und der Kultur, die Landschaft und Naturdenkmale stehen unter dem Schutz des Landes, der Gemeinden und Gemeindeverbände.“

Angeregt durch das 1975 ausgerufene Europäische Jahr der Denkmalpflege und dann vor allem mit dem am 1. Juli 1980 in Kraft getretenen „Gesetz zum Schutz und zur Pflege der Denkmäler im Lande Nordrhein-Westfalen“ gilt unser Land auch in diesen Fragen bis heute als vorbildlich und es war bisher ein breit getragener politischer Konsens, dass dies im Grundsatz niemand in Frage stellt. Das soll nach meiner Meinung auch so bleiben!

Deshalb zitiere ich gerne den aktuellen rot-grünen Koalitions-Vertrag 2012 – 2017, der sich in erfreulicher Eindeutigkeit dazu bekennt, dass Folgendes gilt:
„Kulturelles Erbe erhalten - Nordrhein-Westfalen ist reich an materiellen und immateriellen Kulturgütern. Wir wollen die Anstrengungen, sie zu erhalten, zu sichern und ihre Institutionen zu vernetzen, weiter verstärken. Denkmalpflege, Archäologie und konsequenter Erhalt und Ausbau der Archive bleiben deshalb wichtige Aufgaben.“

Und im baupolitischen Kapitel desselben Vertrages heißt es unter der Überschrift „Archäologischer Denkmalschutz“ kurz, aber eindeutig:
„Neue Rechtsprechung und notwendige Anpassungen an internationale Normen machen eine Gesetzesänderung für den Bereich der Bodendenkmalpflege unabdingbar. Materiell müssen folgende drei Güter neu festgelegt werden: das Veranlasserprinzip, ein Schatzregal und ein deklaratorisches Eintragungsverfahren für Bodendenkmäler.“

Nun, die dazu notwendige Novellierung unseres bewährten Denkmalschutzgesetzes NRW steht jetzt unmittelbar bevor, die Anhörung hierzu findet am 6. Juni 2013 im Plenarsaal des Landtags NRW ab 10.00 Uhr statt.

Allen Unkenrufen zum Trotz werden manche politischen Versprechungen auch gehalten – und dies ist erfreulicherweise ein gutes Beispiel dafür.

Allerdings rauschte es in den vergangenen Wochen sehr laut und sehr vernehmlich im Blätterwald, gedruckt, wie digital:

Die NRW-Landesregierung, so heißt es seit einigen Wochen, plane den radikalen Kahlschlag in der Denkmalpflege, nach den Kürzungen der Denkmalfördermittel von 11,4 Mio. € auf nunmehr 9,4 Mio. €  für den Haushalt 2013, sollen die Mittel in 2014 auf 3,4 Mio. € gekürzt und dann ab 2015 ganz auf null gestellt werden.

Im Gegenzug, so die landauf landab geäußerten Befürchtungen, sollen zinsgünstige Kredite der NRW-Bank künftig die Fördermittel ersetzen; wer Denkmalschutzförderung beantragt, soll also öffentlich billiges Geld dafür leihen.

Mir gefallen diese Meldungen überhaupt nicht und ich gehe bisher davon aus, dass diese Befürchtungen keine reale Grundlage haben, auch wenn ich weiß, dass im zuständigen Bauministerium derzeit unter dem allgemeinen Spardruck mancherlei fragwürdige Option geprüft wird – allerdings, wie man hört, bisher nicht mit wirklich vielversprechenden Ergebnissen, was die ExpertInnen nicht verwundert.

Deshalb gehe ich davon aus, dass die Fakten derzeit so sind, wie es, angesichts der immer lauter anschwellenden Protest-berichte, der grüne Fraktionsvorsitzende Reiner Priggen MdL über den Besuch des für den Denkmalschutz zuständigen Bauministers Michael Groschek, am Dienstag, den 16. April 2013 in der grünen Landtagsfraktion, in einer am 17. April 2013 verfassten und weithin versendeten E-Mail beschrieb:

„Wegen der Berichterstattung über die Kürzung der Mittel für Denkmalpflege war Minister Groschek gestern in der SPD- und der GRÜNEN Landtagsfraktion zu Gast. Er hat dabei den aktuellen Sachstand über die Leistungen des Ministeriums zugunsten des baukulturellen Erbes in NRW in den Jahren 2012/2013 referiert. Die uns vom Minister gegebenen Informationen sind in der Anlage enthalten.

Demnach sind für die Bewahrung des baukulturellen Erbes in NRW mit 51.394.400,- EURO im Haushalt 2013 insgesamt 24.600,- EURO weniger veranschlagt als im Haushalt 2012. Der Einsparung bei einzelnen Titeln stehen Erhöhungen an anderen Stellen gegenüber. Für den Haushalt 2014 gibt es noch keine Festlegungen.“ Soweit der grüne Fraktionsvorsitzende Reiner Priggen MdL im Wortlaut.

Und über den NRW-Haushalt 2014 entscheidet das Landesparlament.
Natürlich wissen alle Fachkundigen, dass diese Darstellung bereits die Interpretation enthält. Die Kürzung um 2 Mio. €  im Denkmalförderetat sind deshalb dramatisch, weil eben hieraus die privaten und die ehrenamtlichen Denkmal-Engagierten mit staatlicher Münze gefördert werden.

Um es auch hier und heute wieder laut und deutlich zu sagen: ich lehne eine weitere Kürzung der Denkmalschutzfördermittel ebenso ab, wie eine weitere Kürzung der Kulturfördermittel des Landes Nordrhein-Westfalen.

Immerhin steht NRW weltweit auf Platz 19 als „Wirtschaftsmacht“ – weltweit.

Der Landeshaushalt umfasst 2013 mehr als 60 Mrd. EURO, die Kulturfördermittel haben wir bereits von 196 Mio. €  in 2012 auf nunmehr 182,5 Mio. €  in 2013 gekürzt, also um ca. 13,5 Mio. €.

Und dabei stehen – wie schon gesagt – die Förderung von Kunst und Kultur ebenso wie Denkmäler, die Landschaft und die Naturdenkmäler und der Sport als Aufgaben in unserer Landesverfassung!

Was der Minister in der besagten Sitzung auch noch bestätigt hat, will ich hier gerne nachliefern: Jeder in den Denkmalschutz investierte Euro setzt 9 Euro um. Dieses enorme Verhältnis liegt damit drei Mal so hoch, wie man es gemeinhin für die Kultur angibt.

Bei der Kulturförderung, so die Experten für Kulturinvestitionen, setzt ein in die Kultur investierter Euro rund 3 Euro um.

Nicht jede Investition rechnet sich so gut und deshalb will ich das gerne noch mit einem Zitat verdeutlichen, das ich aus einer Rede des Bundestagspräsidenten Prof. Dr. Norbert Lammert entnehme, die er am 16. November 2007 zum Thema "Bürgergesellschaft und Erinnerungskultur" gehalten hat:

„Kultur rechnet sich“, sagte Norbert Lammert damals und belegt es für das Jahr 2007 wie folgt: „Das, was an Mitteln investiert wird, kommt übrigens mit einer erstaunlichen lokalen und regionalen Treffergenauigkeit in die Kommunen, in die Regionen zurück, die damit ihre Lebensqualität, ihre Attraktivität erhöhen, sowohl für Menschen, die dort dauerhaft leben, wie für solche, die sie besuchen wollen und ihre Einrichtungen in Anspruch nehmen.

So führt die steuerliche Begünstigung von Denkmalschutzaktivitäten, die meist mit einem hohen bürokratischen Aufwand erkauft werden muss, zwar zu jährlichen Steuerausfällen von gut 100 Millionen Euro.

Denen stehen allerdings gut 1 Milliarde Euro gegenüber, die durch diese Förderung an zusätzlichen Einkommen der daran Beteiligten erzeugt werden. Und was fast noch schöner ist: auch der Fiskus profitiert von eben den Begünstigungen, die häufig voreilig beklagt werden.

Steuerausfällen von 119 Millionen Euro stehen 260 Millionen Euro an Mehreinnahmen durch die Steuern gegenüber, die durch den Multiplikationseffekt dieser Investitionen tatsächlich abgeschöpft worden sind.

Also“, so Lammert weiter, „niemand muss, wenn er sich dafür engagiert, mit eingezogenem Kopf durch die Gegend laufen, in der Annahme, dieses Thema eigne sich bestenfalls für Festvorträge in einem verschworenen Kreis von Leuten, die ohnehin davon überzeugt sind. Man kann und darf über dieses Thema auch mit Finanzexperten reden und man muss die Auseinandersetzung mit Wirtschaftsförderern und Haushalts-politikern über dieses Thema ganz gewiss nicht scheuen.“

Soweit der amtierende Bundestagspräsident in einer Rede am 6. November 2007.

An den Zahlenverhältnissen dürfte sich wenig verändert haben, an den absoluten Zahlen schon.

Denn natürlich stehen in allen Ländern und Kommunen spätestens seit der Finanzkrise von 2008 alle finanzpolitischen Zeichen auf alarmierendem Dunkelrot, wobei die Rede von den klammen öffentlichen Kassen ja eigentlich seit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland virulent ist – allerdings hat sich diese Lage nochmals dramatisch verschärft:

einem auf rund 5 Billionen EURO gestiegenen Privatvermögen (Stand Ende 2012) steht eine nie gekannte öffentliche Verschuldung gegenüber – alleine unser Bundesland steht mit über 135 Mrd. EURO in der Kreide und soll, so steht es im Grundgesetz, ab 2020 mit Null-Euro-Netto-Neu-Verschuldung auskommen – derzeit nehmen wir noch rund 3,5 Mrd. EURO pro Jahr an neuen Schulden netto auf.

Damit ist die Sparaufgabe der nächsten sieben Jahre klar beschrieben und ich beweise sofort auch, dass dies selbst mit der vollständigen Kürzung der landesseitigen Kultur- und Denkmalförderung nicht zu leisten ist:

Fielen diese beiden Landes-Etats für Kultur- und Denkmalförderung (Stand: 2013) komplett weg, würden wir lediglich 191,9 Mio. EURO pro Jahr einsparen, die restlichen gut 3,3 Mrd. EURO Netto-Neuverschuldung fielen aber weiter an, wenn uns nichts anderes dazu einfällt.

Allerdings – und das brauche ich hier und heute ja nicht besonders zu betonen:

der kulturelle, denkmalschützerische und volkswirtschaftliche Schaden wäre aus meiner Sicht weder verkraftbar, noch ist ein solches Modell kulturpolitisch überhaupt zu vertreten, geschweige denn gesamtpolitisch zu überleben – selbst wenn es wirklich Leute geben sollte, die sich im stillsten Kämmerlein erlauben würden, so etwas zu denken.

Aber halt – allein, dass ich das hier heute so explizit erwähnen muss, hätte ich mir noch vor einigen Jahren nicht vorstellen können und das macht vermutlich nicht nur mich stutzig und – offen gesagt – sehr nachdenklich …

Andererseits lese ich ermutigende programmatische Sätze auf der Seite 53 im Bundestagswahlprogramm der SPD – nein keine Sorge, ich will hier keine Wahlwerbung machen – aber es ist ja sicher nicht verkehrt, sich anzusehen, was ein möglicher künftiger Koalitionspartner auf Bundesebene zum Thema Erinnerungskultur und Denkmalpflege beschlossen hat:

„Denkmalschutz und Denkmalpflege zählen zu den wichtigsten kulturpolitischen Aufgaben von Bund, Ländern und Kommunen. Zum Erhalt des kulturellen Erbes, aber auch mit Blick auf die damit verbundenen Arbeitsplätze setzen wir uns für eine Verstetigung des Denkmalschutz-Sonderprogramms ein. Die SPD tritt dafür ein, dass sich der Bund am Bauhaus-Jubiläum 2019 beteiligt.“

Und wie liest sich die entsprechende Passage bei den Bündnis-GRÜNEN im Bund?

„Grüne Städte sind bunt, kreativ, lebendig – und für alle da. Deshalb erhalten wir öffentliche Freiräume und schaffen mehr Platz für Menschen und Initiativen, die sich vor Ort für eine lebenswerte Stadt einsetzen. Integrierte Stadtentwicklung ist der Kern grüner Stadtpolitik und bildet die Voraussetzung für ein vielfältiges Miteinander. Bei städtebaulichen Planungen sollen AnwohnerInnen früher informiert und verbindlich beteiligt werden. Gerade junge Menschen brauchen hier spezifische Programme und Ansprachen, um an den Bauplanungs-prozessen beteiligt zu werden. Dafür ändern wir das Bau- und Planungsrecht und knüpfen Programme an entsprechende Bedingungen. Auch wollen wir die Mittel für die Städtebauförderung, insbesondere für die Programme Soziale Stadt, Stadtumbau und Denkmalschutz, mittelfristig erhöhen. Denn diese Programme sind seit 40 Jahren ein wichtiges Instrument zur Erneuerung unser Städte, um das uns viele Länder beneiden.“

Soweit und eigentlich so gut. –

Aber wir dürfen dem Widerspruch nicht ausweichen – und der ist eklatant: Während wir im Landtag Nordrhein-Westfalen am 19. Februar 2013 die großartige Ausstellung „Unser Denkmal. Wir machen mit“ quasi als Premiere feierlich eröffnen, raunt die Presse von der Münchner Süddeutschen Zeitung bis zur „Zeit“ in Hamburg vom bevorstehenden „Kahlschlag“ der NRW-Denkmalförderung, vom „Denkmaldarwinismus“ (FAZ,  22.03.2013) oder gar von der „NRW-DDR“ („Zeit“, 13.04.2013) wird berichtet und die Präsidentin des Landtags NRW, Carina Gödecke MdL, spricht quasi zeitgleich die folgenden, für mich nach wie vor sehr wichtigen und richtigen Sätze in ihrer Eröffnungsrede:

„Denkmalpflege ist eine Investition in die Zukunft. Baudenkmäler und ganze Ensembles, historische Stadtkerne und neu genutzte Bauten der Industriegeschichte tragen zur Urbanität und Lebensqualität in unseren Städten bei.  Und Bodendenkmäler sind Zeugnisse der Besiedlung der Land-schaft und ermöglichen faszinierende Einblicke in die Geschichte und Lebensweise unserer Vorfahren.

Deshalb,“ so die Landtagspräsidentin, „bin ich der festen Überzeugung:

In Zeiten einer Flexibilisierung, die viele zu entwurzeln droht, schafft Denkmalpflege Identität und Verbundenheit. Denkmal-pflege öffnet die Augen für das Erbe und das Unverwechsel-bare unserer Kultur. Denkmalpflege lehrt Selbstkritik und Bescheidenheit: Nicht immer ist das Neue besser und schöner als das Alte und nicht jeder Fortschritt ist ein Schritt nach vorne.

Denkmalpflege ist kein Luxus, den wir uns in guten Zeiten gönnen und den wir bei knapper Kasse beliebig zurückfahren oder ganz bleiben lassen können. Und hier bin ich auch schon bei der Beantwortung meiner eingangs gestellten Frage:

Natürlich ist Denkmalpflege eine öffentliche Aufgabe. Aber: Sie ist es längst nicht mehr allein. Privates Engagement in der Denkmalpflege ist heute eine zutiefst bürgerschaftliche Form der Mitwirkung. Diese Mitwirkung zeigt den Willen zur Übernahme von Verantwortung. Dafür können die öffentlichen Hände nur dankbar sein und sollten jede Form der Unter-stützung gewähren. Zahlreiche Menschen engagieren sich in Nordrhein-Westfalen für die Pflege von Denkmälern. Ohne ihren Einsatz, ja ihre Begeisterung wäre manches Baudenkmal nicht länger zu erhalten, blieben zahlreiche Bodendenkmäler unentdeckt.

Für mich,“ so die Landtagspräsidentin Carina Gödecke am 19. Februar 2013, „ist das der Beweis, wie wichtig Menschen heute der Begriff Heimat ist. Heimat im Sinne von: „Sich zu Hause fühlen“. In einer Welt, in der alles komplexer wird, gewinnt Heimat zunehmend neuen Wert als Orientierung für viele Menschen.“

Meine Damen und Herren, diesem klaren Bekenntnis ist aus meiner Sicht für heute nichts mehr hinzuzufügen und deshalb schließe ich meinen heutigen Beitrag mit einem kurzen Wort des dänischen Philosophen Sǿren Kierkegaard, dessen 200. Geburtstag wir am 5. Mai 2013 gedachten:

„Das Leben wird nach vorne gelebt, aber nur nach hinten verstanden.“
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

Download Einladungsflyer (PDF)

 

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